1.Erdinger Bildungsgipfel beleuchtet Qualität und Rang der ästhetischen Fächer in Schule und Gesellschaft
02.11.2009„Wir wünschen uns fitte Kinder nicht nur in ihrer körperlichen, sondern auch in ihrer psycho-sozialen Entwicklung, wozu musische Erziehung wesentlich beiträgt.“ In diesem Punkt, formuliert von Peter Kapustin zur Eröffnung des 1.Erdinger Bildungsgipfels in der Erdinger Stadthalle, bestand Einigkeit unter den Experten auf dem Podium wie im Publikum. Aber auch in der Feststellung, dass musische Bildung an den Rand gedrückt ist. Das gilt für den Stellenwert der musischen Fächer in der Schule, in der Lehrerausbildung und im Bewusstsein der Eltern. BMR-Präsident Thomas Goppel formulierte am Ende einen 12-Punkte-Katalog als Ausweg aus dieser Misere.
Zum 1. Erdinger Bildungsgipfel hatte die Fachhochschule für angewandtes Management Erding in Kooperation mit dem Bayerischen Turnverband und dem Bayerischen Musikrat eingeladen. Auf dem Podium schilderten Prof. Dr. Dr. Helmut Zöpfl (ehemaliger Schulpädagoge, Universität München), Josef Erhard (Ministerialdirektor, Amtschef im Kultusministerium), Prof. Dr. Helmut Altenberger (Ordinarius für Sportpädagogik, Universität Augsburg), Isabell Zacharias (MdL, im Landesvorstand der Bayerischen Elternvertretung), Dr. Thomas Goppel (MdL, Staatsminister a.D., Präsident des Bayerischen Musikrates), Barbara Dedekind (Kunsterzieherin/Deutschlehrerin, Realschule Taufkirchen/Vils9), Dr. Alfons Hölzl (Präsident des Bayerischen Turnverbandes) und Werner Rabe (Chefredakteur Sport im Bayerischen Fernsehen) die Situation der musischen Fächer in Schule und Gesellschaft aus verschiedenen Blickwinkeln, moderiert von Prof. Dr. Peter Kapustin von der
FH Erding/Universität Seeburg.
Bildung bedeutet per Definition die „grundsätzliche Orientierung des ganzheitlichen Menschen in der Welt“, so Helmut Zöpfl, und dürfe nicht allein auf PISA und den damit verbundenen Messbarkeitswahn festgelegt werden. Die aktuelle Tendenz im Bildungsbereich, nur Inhalte zu vermitteln, die anwendungsorientiert, verwertbar und unmittelbar umsetzbar sind, weisen jedoch auf eine bedenkliche Veränderung des Bildungsideals hin. Um hier gegenzusteuern, so Josef Erhard, würden in der Lehrerausbildung zukünftig wieder Basisqualifikationen gefordert, die den Grundschullehrer befähigen, den ganzheitlichen Bildungsansatz umzusetzen. Gleichzeitig benötige man aber auch ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Notwendigkeit der ästhetischen Fächer, so Helmut Altenberger, was wiederum nur über entsprechendes qualifiziertes Personal zu erreichen sei.
Thomas Goppel fasste die Statements vom Podium und die zahlreichen Wortmeldungen aus dem Publikum abschließend in einem 12 Punkte-Katalog als dringliche Anliegen und Forderungen zusammen:
1. Die Lehrpläne müssen mit Blick auf die jeweilige Zielgruppe an den unterschiedlichen Schularten und unter Berücksichtigung des musischen Gesamtansatzes überprüft werden.
2. Jeder Grundschullehrer muss eines der drei musischen Fächer, entweder Musik oder Sport oder Kunst im Rahmen seiner Ausbildung mehr als nur belegen.
3. Das Kultusministerium muss darauf achten, dass an jeder Schule für jedes dieser Fächer je Schulhaus und Standort je ein so genannter Fachlehrer für seine Themen verantwortlich zeichnet.
4. Die Wahlpflichtfächer Musik, Kunst, Sport müssen im Sinne von Ausgleichsfächern - gute Leistungen in einem der Fächer sind geeignet, andere Leistungsschwächen auszugleichen - gestärkt werden. Denn so bekommen die musischen Fächer auch für Eltern einen Wert, der Vorrückungs- bzw. Qualifizierungsrelevanz hat.
5. Die Ganztagsschule muss gleichzeitig mit ihrer Einführung vorhandene Chancen nutzen, mit der Schule benachbarten Einrichtungen (Musikschule, Blaskapelle, Turnverein) Kooperationsmodelle zu installieren, die gegenseitige Ergänzung im Angebot
an die Schülerschaft ermöglichen.
6. Musikunterricht muss an der Hauptschule künftig wieder auch ab der 7. Jahrgangsstufe durch gut ausgebildete Kräfte gewährleistet sein. Die neu geschaffene Ausbildung von Fachlehren aus Berufsfachschulen kann hier das Lehrerpotential beisteuern, das womöglich sonst auf die Schnelle fehlt.
7. Bläserklassen, Streicherklassen, Chorklassen müssen über den jetzigen Modellversuch hinaus Bestand haben und weiter ausgebaut werden. In solchen Begegnungsräumen erleben unsere Kinder heute, wie schön es ist, sich gemeinsam zu präsentieren und mit anderen qualitativ zu „glänzen“.
8. Bildung darf – Forderung an ein neues Verständnis von derselben - nicht nur an den Bedürfnissen und Erwartungen der Wirtschaft ausgerichtet werden.
9. Familie, Bildung und Innovation - FBI, - diese drei Bereiche sind im Spar-Programm der Bayerischen Staatsregierung sakrosankt. Daran sind Parlament und Staatsregierung im Ernstfall zu erinnern.
10. Sing- und Musikschulen sind als adäquates außerschulisches Einzel-und Gruppenfördermodell noch nicht weit genug in der Fläche etabliert. Die kommunalen Anstrengungen verdienen jede Unterstützung.
11. Das „Ehrenamt“ bedarf einer neuen begrifflichen Verortung, damit sich auch die Jugend inhaltlich damit identifizieren mag. Nachwuchs muss, um sich zu engagieren, eigenen Drive und Schwung bekommen.
12. Der Einsatz von Kennern und Könnern aus dem musischen Bereich, Künstlern und anderen Profis braucht einen organisatorischen Hintergrund und Systematik im Einsatz, weil die Begegnung mit der Realität auch da Interessen weckt wie wenig sonst.