Abschied von werner andreas albert

Rede zum Abschied
in Nürnberg am 9. Dezember 19 in St. Martha,

Dr. Thomas Goppel


WERNER ANDREAS ALBERT – in Dankbarkeit


„In großer Dankbarkeit für sein umfassendes Engagement und alle gemeinsamen Projekte und Musiziererlebnisse gedenken wir Werner Andreas Alberts und behalten ihn als wunderbaren Musiker und inspirierenden Lehrer und Menschen ehrend im Gedächtnis.“

Prof. Christoph Adt, der amtierende Präsident der Hochschule für Musik in Nürnberg, fasst in seinem Nachruf diesen Spätherbst das Fühlen und Empfinden  vieler Menschen zusammen, die während der 84 Lebensjahre des gebürtigen Weinheimer Weltmusikers Werner Andreas Albert die Freude und das Glück hatten, ihm zu begegnen – unmittelbar, auf, hinter und vor der Bühne der Konzertsäle, im persönlichen Gespräch, im fachlichen Dialog, auf ungezählten Schellackplatten, Tonträgern und CDs, immer lauschend, nicht nur hörend, immer nachfühlend und überrascht, immer bis in die Fingerspitzen aufmerksam,  wie es die unverwechselbare Stabführung des begnadeten Dirigenten Takt für Takt vorgibt, in Alberts Fall eben vorgegeben hat.

Und unmittelbar im Zusammenhang landen die eigenen Gedanken beim ermutigenden Satz von Kirchenvater Hieronymus, der uns auffordert, “nicht traurig zu sein, weil wir einen geliebten und verehrten Menschen verloren haben, sondern dankbar dafür, dass wir ihn hatten.“  

Einen treffsichereren Beleg dafür, dass dieses Leben letztlich aus der Summe unwiederholbarer Existenzen besteht, dass, vom Bezugsfall ausgehend, wohl jeder Mensch in seiner Aura einmalig, sprich: letztlich göttlich und einzig ist, habe ich in den schon 72,6 Jahren eigener Welterfahrung nicht entdecken können, vielmehr in Persönlichkeiten wie Werner Andreas Albert und – da liegen die Fakten ähnlich an – Mariss Jansons ganz aktuell bestätigt gefunden.

„Leben in Fülle“ – das ist es, was wir uns wünschen. Bei Werner Andreas Albert finden wir es:
Am 10. Januar 1935 im württembergischen Weinheim geboren absolviert er in unruhiger, ja fatalistischer Zeit des II. Weltkriegs Kindheit und Ausbildung in seinem späteren Traumberuf des Musikers, lässt sich von Meistern wie Herbert von Karajan in Berlin inspirieren, um gleich danach als Dirigent, Kapellmeister und Chefdirigent zu brillieren.

1963 startet seine Stabführungskarriere an der Nordwestdeutschen Philharmonie und führt ihn über die Gulbenkian-Stiftung 1974 hierher zu den Nürnberger Symphonikern, die das Multitalent gerne am Meistersinger Konservatorium in seinem Hauptfach, dem Dirigieren und der  Orchestererziehung einsetzen.

Da müssen sich auch unsere Wege zum ersten Mal gekreuzt haben, denn die Nürnberger Musikwelt bindet ihn Ende der Siebziger für lange Zeit an ihre Wirkstätten. Dass er von der Frankenmetropole aus direkt in Australien, beim Queensland Philharmonic Orchestra als Chefdirigent 1983 anheuert, dort in den Neunzigern zum Chefberater avanciert, ebnet ihm seinen internationalen Weg.
1995 verlässt er seinen dirigistischen Maestroplatz in Nürnberg und geht Brisbaine, wobei er aber unserem Bayerischen Landesjugendorchester, das ihn schon 1975 fesseln konnte, bis ins Jahr 2000 als Conductor1 erhalten bleibt.  Die Leidenschaft für die Arbeit mit dem Nachwuchs ist so groß, dass er den von ihm mitbegründeten Klangkörper weiter als immerwährender Ehrendirigent begleitet, dabei verbindlicher Partner auf Gegenseitigkeit bleibt.  

Die BLJO-Startjahre 1974/75 prägen seine Hinwendung zum musikalischen Nachwuchs und denselben ebenso. Nach einer ersten gemeinsamen Arbeitsphase geht es im Januar 1975 erstmals an die Öffentlichkeit. Das dort erfahrene und immer wieder neu gefeierte Echo lässt ihn nicht los und seinen Fan Kreis unter den Musikkönnern und –kennern ständig wachsen und sich erneuern.  Er wächst musikalisch immer weiter an den zwei Welten, die er und sie ihn inspirieren.
Heute wissen wir: Nürnberg, Franken und Australien sind zwei Welten, die in Einzelpersönlichkeiten wie WAA die besten Brücken und Brückenbauer haben.
Dass persönlicher, ungeheurer Fleiß und Einsatz das ihre tun, aus den Welten der Natur die eine Welt der Musik in ihrer unendlichen Vielstimmigkeit zu machen, wird am und von dem jetzt hier auch abgerundet bewertbaren Beitrag des Maestros nachgewiesen.

Dem anderen Begriff, dem „Leben in Fülle“, stellen wohl wir alle nach, die wir heute Albert-halber in die St. Marthakirche gepilgert sind. Aufgefüllt wird die nackte Behauptung von der Fülle durch die Tatsache, dass es 1052 mal Werner Andreas Albert, angereichert um die Komponistenwelt unserer Tage auf Tonträgern gibt.
Wenn das nicht nachweist, was Neugier und Unermüdlichkeit, Tatkraft und Begeisterung in der richtigen Mischung in „nur“ 84 Jahren (abzüglich der Jugendzeit) vermögen?

Staat und Gesellschaft zeichnen Werner Andreas Albert aus und danken in ihm dem pädagogischen Stimmbildner und –führer.  Wer den musikalischen Nachwuchs so fördert und stimuliert, hat sowohl das Bundesverdienstkreuz als auch den Bayerischen Verdienstorden verdient, erdient, steht auf der Liste der Unverzichtbaren zu Recht ganz vorne dabei. Danke, verehrter Maestro Albert – auch von hier aus und für uns alle noch einmal.

Am besten artikulieren das ganz sicher die, die ihm erst schutz- und dann einsatz- schließlich karrierebefohlen waren, seine Orchesterstimmen aus 25 Jahren:

Christoph Wiedmann, heute im Staatsorchester Stuttgart selbst der, der auf der Pauke die Welt der Takte zu steuern weiß, nennt ihn den „idealen Dirigenten für ein Landesjugendorchester“, weil er wie kaum anderer Werkkunde und -treue menschlich musikalisch an den Nachwuchs weiterzugeben verstand.“

Johannes Wohlmacher, inzwischen selbst einer der Unverwechselbaren in großen Klangkörpern in Köln und Bayreuth, schwärmt in ihm von seinem Lehrer, der „hartnäckig, aber nie biestig, humorvoll, auch schelmisch“ aus den vielen Solisten im BLJO Orchestermusiker zu machen verstand, und ihm – Wohlmacher – „dabei nicht zum Dirigenten, sondern zum Freund“ geworden ist.

Andrea Lieberknecht schließlich bezeichnet WAA auf ihrem Weg in ihr Fach, die Musik, hin zu ihrem Professorenamt in München, als „Schlüsselfigur schlechthin“, erklärt sein Wesen und Wirken mit der in ihm steckenden „wunderbaren Mischung aus väterlicher Strenge und humorvoller Kameradschaftlichkeit“, die ein Arbeitsklima höchster Qualität hervorbringt.
 
Von  Werner Andreas Albert gefesselt und fasziniert worden zu sein, hat in vielen anderen aus dem Nachwuchs den Impuls geweckt, den gelebte Begeisterung braucht, um ansteckend zu wirken.
Wenn das Adjektiv „unwiederholbar“ auf einen Menschen zutrifft, der sein Leben mit ihm eigener Leidenschaft verbindet und danach lebt, so lang er es vermag, dann ist WAA da doppeltes Unikat – Er selbst und das Adjektiv als Synonym.
Im Wissen um seine langen und krankheitsbedingten Handicaps und seine bis zuletzt nie versiegende Energie mussten wir es zulassen, dass er sich in seiner Dirigats Tätigkeit auf Brisbaine konzentriert und sich hier abmeldete.
2014 mussten wir - auch ich - Abschied nehmen von einem väterlichen Begleiter, einem der wusste und nie vergaß, dass alles, was der Mensch von Anderen erwartet, das eigene lebendige Beispiel braucht, um von daher verbreitet und verinnerlicht zu werden. WAA ist mindestens uns in St. Martha, die wir uns den musikalischen Alltag ohne ihn nur schwerlich vorstellen können, im unauslöschlichen Gedächtnis für den Zeitpunkt, zu dem wir uns besagtes „Leben in Fülle“ erwarten.     
         
Mich tröstet in solcher Lage immer wieder die Abschiedsformel, die alle – gleichgültig, wie gläubig sie leben – immer wieder auf den Lippen haben: LEBE WOHL oder GOTT BEFOHLEN! Überzeugt, dass es nicht umsonst ist, rufe ich das Werner Andreas Albert für uns alle zu und nach!

Uns, die wir mit seiner Familie bleiben und die wir für die Ergebnis- und Erlebnissicherung gebraucht werden, rufe ich den vorher schon zitierten Hieronymus ins Gedächtnis: Dankbar sein hilft mehr als berechtigte Trauer!

Es gilt das gesprochene Wort.

 

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