sog. Künstlerhilfe für Bayern - Landtagsankündigung des MPR am 21.10.20 und zum Protesttag in München am 24.10.20  -  Presse vom 26.10.20

Sehr geehrter Herr Staatsminister, lieber Florian,  

angesichts der üblichen Verfahrenspraxis im Umgang mit CORONA-Veranlassungen wende ich mich mit diesen Zeilen und dem hier im Musikrat entstandenen „Weckruf“, der auch an die Öffentlichkeit gerichtet ist, gleich direkt an Dich. Dabei habe ich die herzliche Bitte, dass Du den Äußerungsanlass und seine absehbare Wirkung nicht nur in den Fachkreisen in Deine Gespräche einbeziehst, sondern auch den Herrn Ministerpräsidenten ansprichst. Weil sein Wort die Richtung unserer Erwiderung auf die virale Herausforderung festlegt, hat die Information Vorrang:

Sowohl die jüngere Berichterstattung als auch die CORONA-Regierungserklärung in der vergangenen Woche haben in der Betroffenenszene des „Kulturstaats“ Bayern hohe Aufmerksamkeit gefunden und einschlägige Erwartungen geweckt. Angesichts der jetzt nachträglich noch bzw. wieder getroffenen Zusatzentscheidungen hat sich ein Teil davon allerdings schon wieder in Luft aufgelöst. Zuverlässiger Glaubwürdigkeit dient das nicht. Dass nach mehr als sieben Monaten in der Corona-Strategie die Kulturschaffenden eine eigene Hilfestellung erfahren dürfen, war eine gute Botschaft. Die fast zeitgleich angekündigte neue Einschränkung des Aufführungs- und Bühnenkonzeptes sowie der Zuschauerbegrenzung hat allerdings die Zustimmung für die andere Kulturwahrnehmung durch die politische Führung einen Beigeschmack bekommen lassen, der die betroffene Szene ein zweites Mal das „Löschout“ im wieder gültigen „Lockdown“ befürchten lässt. Was viele Bühnen und Podien im ersten Aufführungsstop noch geschluckt haben, wird jetzt in der Szene und bei ihren Begleitakteuren die coronesische Atemnot auslösen, die, wie sattsam bekannt ist, in Fällen einer Vorerkrankung fast zwangsläufig zum Blackout führt. Das kann, darf nicht gewollt sein und deshalb auch nicht geschehen.

Unsere Theater, Bühnen, Konzertpodien und Veranstaltungssäle haben wochenlang auf amtliche Veranlassung hin Hygienekonzepte entworfen und sich genehmigen lassen, die sich inzwischen fast ausnahmslos als praxistauglich erwiesen haben. Während Familienfeiern, Fußgängerzonen und Stadionöffnungen zu Inzidenzpannen führten, ist Vergleichbares aus Theater- und Zuschauersälen und –tribünen nicht kommunizierbar, weil im Anfall marginal. Das Beispiel der Staatoper in München sagt mehr als jede statistische Erhebung: Seitdem die gähnende Leere der Zuschauerreihen bei 50 von 2100 Zusehern auf 500 Gäste im Haus erweitert ist, haben sich da wie sonst auch keine Pannen ergeben. Es gibt eine Symbiose der Theaterfamilie auf der, auch hinter wie vor und unter der Bühne, die tatsächliches Theaterleben wenigstens simuliert. Theater findet statt wenn auch zu Konditionen, die hoffentlich nicht gewöhnungsbedürftig sind oder werden. Die neuerliche Erzwingung abendlicher 50 Gäste bedeutet den Exodus des Theaters – nach und nach auf allen seinen Ebenen. Damit gibt der Artikel 3 der Bayerischen Verfassung dann auch den Gültigkeitslöffel ab. Weil das so wäre, haben mich die Mitglieder des Bayerischen Musikrates so, wie sie Euch in der Führung am Samstag auf dem Königsplatz gebeten haben, mit Nachdruck daran erinnert, dass ein Theaterbesuch keine S-Bahn- oder Busfahrt ist, ein Museumsaufenthalt in der Regel kein Stadionbesuch und ein Stadtbummel nicht vergleichbar einer der Demos, die jüngst aus dem Boden schießen (auch in der Kulturszene, wenn es bei nicht nachvollziehbaren Einschränkungen bleiben sollte).
    
Das, was für die Theater gilt, für das Schauspiel und die Oper, ist problemlos auf Konzertsäle übertragbar, wenn – so geschieht das zuverlässig, wie die Testzahlen rund um solche Veranstaltungen beweisen – Hygienevorschriften eingehalten sind, die ja eine überzeugende Mehrheit unserer Bürger in der vorliegenden Weise ausdrücklich gutheißt. Wenn sich die Sicherheitskräfte nur um die Vorsichtsverweigerer an Kulturplätzen zu kümmern hätten, wären sie mehrheitlich arbeitslos. Die neuen Einschränkungen für Kult- und Kulturstätten sind durch nichts erkennbar gerechtfertigt und ausgelöst. Im Auftrag der Betroffenen und unnötig Getadelten bitte ich deshalb noch einmal darum, Betriebsknebelungen auf die Stellen zu konzentrieren, die es nötig haben. Wenn dann auch noch darauf verzichtet werden könnte,  aller beachteter Behutsamkeit zu unterstellen, dass sie ohne Strafkeulen nicht zu einer  Kultiviertheit fähig ist, die Corona auf Sicht in die Schranken weist, dann scharen sich die Gutwilligen unter den jetzt Verunsicherten wieder hinter den Auflagen, die die Exekutive zur Schadensbegrenzung für zwingend hält.

Der vergangene Samstag auf dem Königsplatz hat gezeigt, dass die Künstlerszene, der manche so gern alle Widerspenstigkeit nachsagen, in der Lage ist, gesundheitsförderliche Einschränkungen ebenso wie die Bevölkerung insgesamt zu akzeptieren. Sie, die ganze Szene, ist dankbar, wenn sie für die eigene Lebensführung in der Verbotszeit, die länger als erwartet dauert und existenzvernichtenden Umfang anzunehmen beginnt, die lang schon erhoffte (und sehr wohl sinnvolle, auch vertretbare) Hilfe aus der Steuerkasse erfährt. Kunst und Kultur, die uns die Vielfalt in allem vorleben, wollen und müssen leben dürfen. Damit das ein möglicher Weg zu existieren bleibt und wieder wird, darf diese Art der Existenz- und Berufssicherung und –wahl nicht weiter geknebelt, oder weiter untersagt sein.

Kultur, das ist so etwas wie der „Seelenbrand der Gesellschaft“. Die Wärme und Glut, die loderndes Feuer erzeugt, ist in einem oft überraschenden Umfang für die Umgebung Glück und neue Erfahrung. Kultur kann das genauso wie der Brand auf eigene Weise – und wie wir in der Politik wissen, auch umgekehrt. Deshalb ist und bleibt das berufliche Ausübungsverbot etwas Fragwürdiges: Verbotene Kulturausübung steuert das Zusammenleben in vielem, was „läuft“, ganz wesentlich, aber so lange unmerklich, wie sie als Schwungrad fungieren kann. Diese Funktion verträgt Eingriffe nur ungern, macht ihre Exponenten auch widerständig. Das spüren nicht nur die Samstagsdemonstrierer. COVID ist schuld, dass… Der politische Eingriff stört – ist für viele freiheitswidrig und ein System auch unsteuerbar. Das gelingt Verfügungen, die wöchentlich wechseln, aber nicht schnell begründet werden (können), besonders gut. Mögliche Fehlentwicklungen zu begrenzen, treten im vorliegenden Fall die Exekutive und die Virologen an. Aufs Ganze hochgerechnet, widersprechen sich in Einzelentscheidungen dann augenscheinlich, tun es, weil es an Begründung fehlt, solche sich womöglich wie das Virus auch wandeln. Wir im Musikrat wünschen uns begründete Flexibilität im Kampf gegen das Virus, das ähnlich unberechenbar wirkt wie ein ausgebrochenes Feuer. Wir erleben die Politik als Feuerwehr, die ihre Spritzen einsetzt und beim Löschen nicht an die Schadensbegrenzung denkt. Dürfen wir darum – eben die Schadensbegrenzung - für die Kultur noch einmal nachsuchen? Die Mitstreiter im zweitgrößten Betrieb Bayerns, im Bereich der Soloselbstständigen auf dem Feld der Künste aller Art, setzen auf eine Fähigkeit der Politik, die entschlossene Behutsamkeit; sie greift an, aber nicht überall durch; sie schützt, zerstört möglichst nichts und pflegt deshalb parallel zur Rettungsaktion schon die neue Enkulturation.

Bayerisch gilt das schon lange: Leben und leben lassen! Auch das Virus existiert so. Sind wir, ist unsere Führung dabei gelassener und umsichtiger, weil längst trainiert? Wir setzen drauf!

Wenn es Dir, lieber Florian gelingt, die Messlatten Eurer Entscheidungen so zu justieren, dann sind die Kulturschaffenden in Bayern fast ausnahmslos vorne dabei, das oder besser den fatalistisch ansetzenden “Lockdown“ mit Neuanfang zu übersetzen und mit anzupacken.
Danke fürs Lesen, Denken und Entscheiden, auch fürs Tun!

Dein

Dr. Thomas Goppel
Präsident

 

 

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