Auch Kultur - Schrittmacher der Gesellschaft - braucht einen festen Rahmen

BMR Präsident Dr. Thomas Goppel mahnt in einem offenen Brief an Staatsminister Bernd Sibler, das Hilfsprogramm für Soloselbständige zeitnah umzusetzen und bietet die Unterstützung beim Neustart für die Kultur im Freistaat Bayern.

Brief vom 6. Mai 2020 an Herrn Staatsminister Bernd Sibler, Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst

Sehr geehrter Herr Staatsminister, lieber Bernd,

die Corona-Krise bringt die Kulturschaffenden in Bayern in eine Situation, die man mit Fug und Recht als „Berufsverbot“ bezeichnen kann. Das ist auch für Dich alles andere als neu. Zeitlich und finanziell gedeckelte Programme wurden in Aussicht gestellt, um den in existenzielle Not geratenen KünstlerInnen über die Krise hinweg zu helfen. Ein Ende der Krise für Kulturschaffende ist aber bisher nicht absehbar. Umso wichtiger ist die offizielle und öffentliche Unterstützung. Andernfalls wird es einen kulturellen Kahlschlag ungeahnten Ausmaßes geben.

Der Bayerische Musikrat dankt der Bayerischen Staatsregierung für die bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung der Folgen der Corona-Krise in der Kultur. In der aktuellen Situation bleiben allerdings aktuell zwei dringliche Fragen.

1. Hilfsprogramm „Soloselbständige Künstler*innen“ – Wann?

Am 20. April 2020, also vor fast drei Wochen, hat Markus Söder in einer Regierungserklärung ein Hilfsprogramm für Solo-Selbständige Künstler*innen verkündet. Am 21. April 2020 hat das Kabinett das Hilfsprogramm beschlossen. Bis heute, den 6. Mai 2020, gibt es noch nicht einmal Antragsformulare dafür. Wir im BMR fragen nach: Warum wird das bereits vor fast drei Wochen angekündigte und beschlossene Programm, für das Bayern viel gelobt worden ist, nicht umgesetzt? Wann dürfen die Betroffenen mit konkreter Unterstützung rechnen?

Das Geld wird dringend jetzt gebraucht – und nicht in weiteren zwei oder drei Wochen. Soloselbstständige Künstler*innen repräsentieren eine Berufsgruppe mit qualifizierter Ausbildung und Abschlüssen an Hochschulen und Universitäten. Sie leisten als Solisten, Dirigent*innen, Musikpädagogen, Instrumental- und Vokallehrer musikalische Bildung nicht nur in der Breite, sondern auch in der Spitze. Das Durchschnittseinkommen lässt es nur in Ausnahmefällen zu, Rücklagen zu bilden, die es erlauben, längere Auszeiten zu überbrücken. Askese (aufgrund des Berufsverbots) ist keine Alternative.

2. Programme zur Wiederaufnahme des Kulturbetriebs

Fest steht: Hilfsprogramme können nur kurzfristig und äußerste Not lindern. Möglichkeiten, mithilfe von Krediten die Krise zu bewältigen, sind nicht aussichtsreich: In der Regel reicht ein normaler Betrieb im Kulturbereich nur im Ausnahmefall zur Deckung der laufenden Kosten. Das erklärt, weshalb die Herausgabe von Richtlinien zur Wiederaufnahme des Kulturbetriebs fällig und unverzichtbar ist. Auch die MusikerInnen wissen, dass das vorerst nur in eingeschränktem Maße und unter Einhaltung der Infektionsschutzmaßnahmen zu sichern ist. Noch wichtiger ist deshalb eine verbindliche Aussage über eine zeitnahe Wiederaufnahme des kulturellen Lebens unter Berücksichtigung regionaler und individueller Verhältnisse und Räumlichkeiten. Mehr als übrige Kultursegmente lebt unsere bayerische Musikszene von verwirklichbarer Vielfalt und einem bunten Angebot für die Darbietungen. Wir arbeiten für die Zukunft. Das muss schnell wieder sicht- und hörbar werden dürfen.

Der Bayerische Musikrat packt in der Phase des Neuanfangs überall gerne mit an. Wir haben Kontakt zu den Bamberger Symphoniker und deren Intendant Marcus Axt. Aktuell wurde dort gestern (05.05.2020) die Verteilung der Luftströme beim (Einzel-)Musizieren gemessen; Ergebnisse stehen noch aus. Wir haben angeboten, diese Messungen von uns aus zu ergänzen und in der Musikakademie Marktoberdorf weitere professionelle Messungen durchzuführen, z. B. mit größeren Ensembles und Chören, auch für den Zuschauerraum. Diese Messungen werden wir von Wissenschaftlern begleiten lassen, um die Konzentration und Verteilung der als besonders risikoreich definierten Aerosole beim Luftausstoß während des Musizierens (im Umfeld von Chorsängern und Bläserensembles) zu ermitteln. Aus unserer Sicht wäre sehr wichtig, die Ergebnisse auch solcher Messungen in das oben genannte Konzept einfließen zu lassen.

Kulturschaffende haben einen langen Atem; endlich ist allerdings auch der. Die jüngste Äußerung in der PM 109/2020 des Wissenschaftsministeriums signalisiert Bewegung,

 
bleibt bisher aber ohne konkrete Terminierungen. Diese Phase müssten wir längst hinter uns haben.
 
Die jüngsten Meldungen aus dem Kabinett und von den bundesweiten Abstimmungen lassen erkennen, dass der oft gerühmte bundesdeutsche Kulturzug mit seinen unterschiedlichen Waggons wieder Fahrt aufnimmt. Wir setzen zum Tag darauf, dass die angesehene besondere Musikaffinität des Südens dabei keinen Schaden nimmt. Wer an der Kultur spart, spart an der Seele einer Gemeinschaft. Das zu verhindern, bleibt Ihre, Deine vornehme Pflicht, Herr Staatsminister! Wir helfen gern!
 
Stellvertretend für den ganzen Musikrat
 
Dein
Dr. Thomas Goppel
Präsident Bayerischer Musikrat e.V.
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