Kleine Geschichte der Orgel

Von Prof. Dr. Hans Maier

Wer hat die Orgel erfunden? Es soll kein Musiker, es soll ein Ingenieur gewesen sein, der auch Wasserspiele und Feuerwehrspritzen erfand, Ktesibios aus Alexandria, der zwischen 283 und 246 v. Chr. lebte. In der Tat trägt die Orgel bis heute einen Doppelcharakter: sie ist ein Musikinstrument, sie ist aber auch ein hochartifizielles technisches Gerät. Als einziges Musikinstrument wird sie angetrieben von einem Motor.
 
Die Abbildung zeigt den Nachbau einer Wasserorgel (gr. Hydraulis) um das späte 3. Jahrhundert vor Christus. Sie wurde für die Ausstellung MUSICON! Rekonstruiert und ist auf der Ausstellungsseite auch zu hören. Quelle: »» MUS-IC-ON der Julius Maximilian Universität Würzburg

In der Antike war die Orgel vorzugsweise heimisch in Palästen. Sie war ein herrscherliches Instrument. Ihr Klang wurde zu den sinnlichsten Genüssen gerechnet. Wie kam dieses höchst weltliche Instrument in die christlichen Kirchen? Wie fand es Eingang in den Gottesdienst, die Liturgie?

Zum Kultinstrument wurde die Orgel erstmals im Frankenreich im frühen Mittelalter. Damals traten in Klöstern und Bischofskirchen erste Formen der Mehrstimmigkeit auf. Zugleich entwickelte sich eine neue Kultur der Instrumente. Musik wurde jetzt schriftlich aufgezeichnet, sie wurde überlieferungsfähig im Ablauf des Kirchenjahres, sie konnte wiederholt, aber auch neu erfunden, aus Elementen zusammengesetzt, „komponiert“ werden. Zugleich kehrten die Instrumente des jüdischen Tempels, kehrten „Psalter und Harfe“ im Norden und Westen Europas in die zunächst instrumentlosen christlichen Kirchen zurück. Die Orgel - durch regelmäßige Windzufuhr und Starre des Tons dem Auf und Ab der Affekte und Leidenschaften entzogen - konnte die neugewonnene Mehrstimmigkeit instrumental auffangen und ihr einen angemessenen Platz im Gottesdienst geben.
 
Die um 1450 erbaute und in ihrem Pfeifenbestand weitgehend erhaltene älteste Orgel Deutschlands steht in der Kirche im niedersächsischen Rysum. Quelle: »» Norddeutsche Orgelkultur

Um 1300 wiesen fast alle größeren Kirchen im Abendland Orgeln auf. Räumliche Schwerpunkte bildeten Nordfrankreich, Holland, das Elsass, die Küsten an Nord- und Ostsee, der Westen, Süden und die Mitte Deutschlands, Gebiete, in denen bis heute die größte „Orgeldichte“ herrscht.

Die Orgel trat jetzt in den Dienst der Liturgie: Beim Chorgebet und in der Messfeier kam sie mit kurzen Einlagen zwischen den Gebeten und Gesängen zu Wort. Aus diesem „Alternatim-Spiel“ entstanden die ersten Gestalten von Orgelmusik überhaupt, die sich später zu typisch orgelgemäßen Formen - Präludien, Fugen, Toccaten, Choralvorspielen - weiterentwickelten. Als die Orgel im hohen Mittelalter in den Dienst der Kirche trat, war sie längst nicht mehr die alte „Hydraulis“, obwohl sie in den Quellen noch lange diesen Namen führte.
 
Neben der Wasserorgel als repräsentatives Freiluft- und Palastinstrument war schon in spätrömischer Zeit die - kleinere, leisere - Balgorgel getreten. Später wurden auch große Orgeln mit Bälgen ohne Wasserhilfe möglich. Die Bälge wurden verfeinert, sie entwickelten sich zu immer perfekteren Formen (Spanbalg, Magazinbalg), mit denen ein annähernd gleichmäßiger Windstrom erzielt werden konnte. Mit ihnen wurde der Kalkant als Bälgetreter zu dem für lange Zeit unentbehrlichen Begleiter des Organisten.
 
Blasebalg zum JOHN-CAGE-ORGEL-KUNST-PROJEKT in Halberstadt. John Cage hat ein Orgelstück ORGAN²/ASLSP konzipiert, dessen erster Ton im Jahr 2000 angespielt wurde. Klangwechsel erfolgen in zeitlich großem Abstand. Das Werk endet nach 639 Jahren. Quelle: »» ASLSP-Projekt

Mit der Ausbreitung des Christentums im Osten und Südosten Europas gelangte die Orgel auch nach Polen-Litauen, in die baltischen Länder und in Teile des Balkans. Die orthodoxen Länder erwiesen sich jedoch - bis heute - als eine unüberwindbare Grenze für das Instrument. Denn in der Orthodoxie gilt nach wie vor das frühchristliche Verbot der Instrumente und der Mehrstimmigkeit, das im Westen während des Mittelalters schrittweise gelockert und schließlich aufgegeben wurde. Einstimmigkeit war dort streng geboten. Musik sollte nur ein melodischer Rahmen sein für den Gesang des Zelebranten. Für Musikinstrumente, gar für eine Orgel, die im Zweifel alles übertönen kann, war da kein Platz.

Die Reformation führte zu einer umfassenden Neugestaltung in Sachen Kirchenmusik. Das Verhältnis von Gottesdienst und Musik veränderte sich. Eine neue differenzierte musikalische „Konfessionsgeographie“ entwickelte sich in Europa.
 

Nicht die Orgel, sondern den Gemeindegesang stellten die Begründer der evangelischen Kirche in den Mittelpunkt geistlicher Musik. Mitte des 17. Jahrhunderts legten Dietrich Buxtehude und Franz Tunder mit Abendmusiken in der St. Marienkirche in Lübeck den Grundstock für den Typus „Konzerte außerhalb von Gottesdiensten“. Nach dem zweiten Weltkrieg mit der Schaffung des hauptamtlichen Kantors erfuhr diese Form einen enormen Auftrieb als eigenständige Konzertform und als Forum für Festivals. Dazu zählt das 1951 gegründete Nürnberger Musikfest, die Internationale Orgelwoche (ION), ausgerichtet in den großen evangelischen Altstadt-Kirchen in Nürnberg, St. Lorenz und St. Sebald. Im Bild: Die Orgel von St. Lorenz, mit 12.156 Pfeifen die größte evangelische Kirchenorgel in Deutschland. Foto: »» lorenzkirche.de


Die altgläubigen, jetzt katholisch genannten Länder hielten an der neugewonnenen, freilich begrenzten Freiheit für Bild und Ton auch nach der Reformation fest - hier entwickelte sich eine mehrstimmige Musikkultur mit vokalem Schwerpunkt, an dem die Orgel - alternativ - ihren Anteil hatte.
 

Der Calvinismus als die weltweit erfolgreichste Reformationsrichtung schloss die Musik grundsätzlich aus den Kirchen aus. Die Orgel galt in den Ländern reformierter Konfession als eine „unerbauliche Papstleier“, ja als „des Teufels Sackpfeife“, so Urteile aus der reformierten Schweiz. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Orgel auch im reformierten Europa wieder an vielen Stellen zu einem nicht nur geduldeten, sondern anerkannten Instrument der Kirche.

In den USA, wo Orgelbau und Orgelmusik vorwiegend englischen Vorbildern folgten, wurde der Bann schon früher aufgehoben. Heute stehen die umfangreichsten, technisch avanciertesten Orgeln der Welt in den Vereinigten Staaten.
 
Die größte Orgel der Welt mit über 33.112 Pfeifen steht seit 1932 in der Convention Hall in Atlantic City (USA). Es ist eine Konzertorgel, wie sie an vielen anderen Orten in Amerika in kleinerer Ausführung zu finden ist. Quelle: www.boardwalkorgans.org

Von der Wittenberger Reformation, dem Luthertum, kam - nach anfänglichem Widerstand - die stärkste Unterstützung für die kirchliche Entfaltung der Orgelmusik. Von daher erklärt sich das „goldene Zeitalter“ der Orgelmusik, das im 17. Jahrhundert in Nord- und Mitteldeutschland begann und das seine Krönung im Werk Johann Sebastian Bachs fand.

Im 20. Jahrhundert gingen von evangelischen Theologen und Musikwissenschaftlern wie Albert Schweitzer, Christian Mahrenholz und Wilibald Gurlitt sowie den Organisten Günther Ramin und Karl Straube die stärksten Impulse der sogenannten Orgelbewegung aus.
 

In ihren Schriften „Zurück zur wahren Orgel“ und „Die Orgel der Zukunft“ setzten Albert Schweitzer und der Straßburger Organist Èmile Rupp eine Entwicklung im Orgelbau in Gang, die unter dem Begriff „Orgelbewegung“ im 20. Jahrhundert unter anderem zur Rückkehr zur mechanischen Spieltraktur sowie zur Orientierung an den Bau- und Klangprinzipien des klassischen Orgelbaus führte. Von diesen Auffassungen geprägt baute der Architekt, Orgelsachverständiger und Denkmalpfleger Walter Supper um 1936 eine Hausorgel, die als Leihgabe im Orgelmuseum Schloss Haunstein zu bewundern ist. Foto: www.orgelbaumuseum.de


Musikalisch gehört die Orgel zum Genuss der Tasteninstrumente. Das Wort „Clavier“ bezeichnet ja ursprünglich nicht nur das Klavier im heutigen Sinn, es schließt alle Instrumente ein, die durch „Claves“, Tasten bewegt werden, mithin auch die Orgel.

Der Aufstieg der Tasteninstrumente seit dem 15. Jahrhundert ist eng mit der Entwicklung der Mehrstimmigkeit verbunden. Je mehr diese den Gang der Musik bestimmt, desto mehr wachsen auch die Chancen der Tasteninstrumente, der „Claviere“. Denn diese erlauben es, viele Stimmen auf einem einzigen Instrument zu vereinigen – was Streich- und Blasinstrumente nicht in gleicher Weise vermögen. Diese sind, um Mehrstimmigkeit zu erreichen, auf eine Mehrzahl von Spielern oder Sängern, also auf Ensemblebildung angewiesen. Beim Tasteninstrument jedoch steht einem einzigen Spieler ein gewaltig erweitertes Tonmaterial zur Verfügung: „die achtundachtzig Saiten des Klaviers gegenüber den vier Saiten der Geige, die Hunderte und Tausende von Pfeifen der Orgel gegenüber der einen Pfeife der Oboe“ (Willi Apel).

Der Tastenspieler kann einen ganzen Chor, ein ganzes Orchester nachahmen. Darin, und im leichten Zugriff der Hand, liegt wohl der Grund für die bis heute anhaltende Popularität des Klaviers. Für die Orgel gilt vice versa Ähnliches. Nicht umsonst wurden schon im 16. Jahrhundert die Tasteninstrumente von den Italienern als „istromenti perfetti“ bezeichnet.

Die Differenzierung der Tasteninstrumente, die Sonderung von Klavier und Orgel, hängt mit der Entwicklung und Verselbständigung des Pedals zusammen - genauer: mit der Entwicklung einer Musik, die auf Pedaltöne angewiesen ist und daher zur Wiedergabe „Hände und Füße“ braucht. Das Pedal übernimmt in der Orgelmusik die Basstöne, den „Orgelpunkt“, oder es betont als „Trompette de Pedalle“ den Cantus firmus. Der Endpunkt und damit die Dominanz der Orgel, ihr Ausscheiden aus der Symbiose mit anderen Tasteninstrumenten, wird dann mit dem „bewegten Bass“ und dem oft in Sechzehntelnoten einherstürmenden Pedal bei Buxtehude und bei Bach erreicht.
 

Einst waren es Dietrich Buxtehude und Johann Sebastian Bach, heute ist es Cameron Carpenter - ein Superstar an der Orgel. Mit technischer und musikalischer Meisterschaft setzt er sich über kulturelle und klassische Tabus hinweg und erschafft ein neues Bild des Orgelvirtuosen im 21. Jahrhundert. Foto: www.konserthuset.se


Die Geschichte der Orgel ist - wie vieles im Ablauf von Religion und Kultur - die Geschichte einer Aneignung. Ein profanes heidnisch-antikes Instrument wandert unter ständiger Entwicklung und Umwandlung in die Mitte der christlichen Kirche und ihrer Liturgie. Die Aneignung brauchte Jahrhunderte und vollzog sich nicht ohne gravierende Widerstände. Die Orgel wurde zum gottesdienstlichen Instrument schlechthin, zum Ursprung einer Fülle kirchenmusikalischer Schöpfungen. Das reicht bis zum heutigen Tag und ist ein Beispiel für die anregende Kraft der Liturgie. Am gottesdienstlichen „Regelwerk“ der Liturgik lernt die Kirchenmusik, sich zu bewegen und aufzurichten, manchmal auch „in Ketten zu tanzen“ (Nietzsche).

In St. Petri Kyrka in Malmö steht eine der modernsten Orgelanlagen der Welt, erstellt von einem schwedisch-deutschen Projektteam. Die Registersteuerung wird von einem fahrbaren Generalspieltisch aus über zwei große Touch-Bildschirme gelenkt. Foto: www.orgelbau-klais.com


Auch wenn die Orgel heute nicht mehr ein ausschließlich kirchliches Instrument ist, wenn längst Konzertorgeln, Kinoorgeln und eine Fülle elektronischer Klangerzeuger neben die Kirchenorgeln getreten sind, so prägt doch die kirchliche Vergangenheit der Orgel samt der Fülle und Bedeutung der ihr gewidmeten Literatur auch die Gegenwart dieses Instruments. Das zeigt jeder von der Orgel begleitete Gottesdienst, aber auch jedes Orgelkonzert, sei es im geistlichen, sei es im weltlichen Rahmen. Insofern ist die Orgel alles andere als ein historisches Instrument. Von ihr gehen auch in der Gegenwart wichtige musikalische Impulse aus. Stärker als andere Instrumente lebt sie vom unmittelbaren Zugriff und von der Improvisationskunst ihrer Spieler. Ihrer Literatur kommt eine hohe allgemeinmusikalische Anregungskraft zu (Ostinato-Techniken, Variationenfolgen, Einwürfe, Fugatos). Damit bewahrt sie sich die Fähigkeit, lebendig und unberechenbar zu bleiben, und kann ihre künstlerische Vergangenheit auch in die Zukunft mitnehmen.


Der Autor Hans Maier hat 2016 im Verlag C.H.Beck eine Geschichte der Orgel in sieben Kapiteln verfasst. Hierbei beleuchtet er die Orgel hinsichtlich der Spielweise, der Register und des daraus resultierenden Klangs, die Orgel als Baukunstwerk, die Entwicklung des Orgelspiels, die Orgel in der Literatur sowie Komponisten und Werke für die Orgel.

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